OFFENER AUFRUF 03

Das Thema der nächsten Ausgabe: Körper.

Offener Aufruf 03: Koerper

Der menschliche Körper ist unser vertrautester Gebrauchsgegenstand – unser Werkzeug, um die Welt um uns herum überhaupt erst wahrzunehmen und mitzugestalten. Gleichzeitig spiegeln sich unsere Nutzungsweisen – genauso wie andere Prozesse des Lebens wie Gesundheit/Krankheit, Alterung etc. – in diesem wider, hinterlassen Spuren und verformen ihn, wodurch er zum Speicher unserer Erinnerung und Vergangenheit wird. Unser Körper ist gleichermaßen unser intimster Raum und unsere öffentlichste und unmittelbare Oberfläche – unsere Erscheinung.

Gemäß seiner Definition verweist der Begriff „Körper“ auf den menschlichen oder tierischen Leib ebenso, wie auf eine begrenzte, mehrdimensionale Mannigfaltigkeit eines geometrischen oder physikalischen Objektes. Charakteristika des Körpers sind seine Masse, die Ausdehnung im Raum und das Volumen – vordergründig rein quantitative Eigenschaften, die seine Vielschichtigkeit aber nur beschränkt fassen, weil dabei jedwede Begriffsgeschichte unbeachtet bleibt. Diese reicht von „corpus“ (»Leib, Körper, Substanz, Gesamtheit«) im Lateinischen, der seine Fortsetzung bis heute im juridischen Sprachgebrauch findet, über die Verdrängung des Begriffes „Leib“ im deutschen Sprachraum ab dem 13. Jhd., der seinerseits zur „Leiche“ wird – also der leibliche Rest des Menschen. Im christlichen Verständnis ist der Begriff „Leib“ als Träger von etwas Göttlichem („Leib Christi“) geprägt. In der Philosophie findet dieser unter anderem im Leib-Seele-Dualismus seinen Ausdruck. Durch die Medizin wird der Körper ab dem 17. Jhd. zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Spätestens ab Mitte des 20. Jhds. entsteht ein politisches Verständnis vom menschlichen Körper, genährt durch feministische und poststrukturalistische Theorien, die diesen als Projektionsfläche und Wirkungsfeld politischer Machtbeziehungen entdecken und konstituieren. Über unseren Körper – unseren „eigensten Besitz“ – können wir scheinbar frei verfügen: Gleichzeitig unterliegt er gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Idealen, muss sich einem Geschlecht unterordnen, stets gesund, schön, produktiv sein und Leistung erbringen, um mit anderen Körpern konkurrenzfähig zu sein. In einem politischen Kontext ist der menschliche Körper Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte: Er ist das Ziel von Strafen, von Disziplinierung und von Schaffung sozialer Identität. Medizin und Naturwissenschaften arbeiten unablässig an den Unzulänglichkeiten des Körpers und erweitern ihn um technische Hilfsmittel wie Prothesen und Implantate. Der Körper als „Cyborg“ stellt Dualismen wie Mensch/Maschine und Kultur/Natur in Frage.

Darüber hinaus ist der menschliche Körper auch ein ästhetischer Gegenstand und vermutlich das am häufigsten gewählte Sujet künstlerischer Auseinandersetzung. Beginnend mit Höhlenmalereien setzten sich Darstellungen des Körpers über die Jahrtausende fort, in jeder Epoche anders konnotiert und anders referenziert, sodass kunsthistorisch betrachtet der Körper gleichermaßen Trägermedium einer zeitspezifischen Idee, Abbild des Menschseins an sich und Methode der Selbstreflexion sein kann. So machte (und macht) der koloniale „weiße Blick“ auf schwarze Körper diese zu Projektionsflächen für exotische Phantasien, konstruiert „weiße“ Selbstbilder und legitimiert rassistisch-hierarchische Kontinuitäten.

In der Physik bezeichnet „Körper“ die begrenzte Menge eines Stoffes – etwas, das eine Masse hat – und schließt neben festen auch flüssige und gasförmige Körper ein. „Himmelskörper“ bezeichnet somit auch diffuse Erscheinungen wie zB. Nebel, Sternhaufen oder Planetensysteme.

„Korpus/Körperschaft“ verweist darüber noch hinweg: Er ist unter anderem ein wirtschaftlicher Begriff (corporation frz. »Körperschaft, Verbindung«), ab dem 18. Jhd. eine Bezeichnung für Studentenverbindungen (Korporation/Corps), wie auch ein Begriff für die Summe verschiedener Teile zu einem gesamten, abgeschlossenen Gegenstand (z.B. Textkorpus). In der Musik bezieht sich „Klangkörper“ auf die Gesamtheit der Musizierenden eines Orchesters. Ab Ende des 19. Jhds. und im Nationalsozialismus bezog sich der rassenbiologisch definierte Begriff „Volkskörper“ auf das deutsche „Volk“ als eine Einheit, die es von Menschen, die als „Schädlinge“ und „Krankheiten“ bezeichnet wurden, abzugrenzen galt. „Körper“ kann somit auch im Sinne von „Gesamtheit“ als Verbindung einzelner Elementen verstanden werden.

Anhand dieser Beispiele wird nur verknappt das Thema von tortuga #3 umrissen.

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