GRENZEN ZIEHEN

Eingeschriebene Grenzen: Verwirklichung durch Verschwinden

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne. (Kurt Tucholsky: Zur soziologischen Psychologie der Löcher.)

Denkt man sich den Zusammenhang zwischen der Grenze und dem „umbauten Raum“, kann man nicht umhin, sich diesen vorrangig architektonisch vorzustellen. Der umbaute Raum ist ein, wenn man so möchte, System aus Raum bildenden, Raum definierenden und also Raum konstitu- ierenden Elementen. Und gleichzeitig ist es auch ein System aus Raum verbindenden und, im entsprechenden Gegenteil, aus Raum trennenden Strukturen. So ist es auch ein System, das Öff- nungen und Abschließungen organisiert; das geöffneten Räumen geschlossene Räume gegenüber- und dergestalt zur Seite stellt; sie in Bezug zueinander setzt und ihre Verbindungen definiert. Raum, umbauter zumal, scheint sich dabei nur über eine Grenzziehung konstituieren zu lassen. Die Grenze selbst ist dabei das Paradox eines gleichzeitigen Gegensatzes und noch viel mehr: ein Verbindendes, das ein Trennendes ist, das eine Opposition herstellt und durch dieses Herstellen selbst ein Drittes ist. Dadurch entzieht sie sich dieser vordergründigen Dichotomie: Die Grenze, die trennt, ist immer auch eine Grenzfläche, die verbindet.

Die Grenze ist, in Abhängigkeit des Standpunktes, den man zu ihrer Betrachtung einnimmt, die Struktur, die die Aufteilung Innen – Außen vornimmt, wobei sie selbst weder im einen noch im anderen ist. Sie ist das Verwirklichende, das den Gegensatz zwischen zwei Orten, zwischen zwei Räumen, die zueinander erst durch ihre gegenseitige Ergänzung getrennt und in Opposition zu- einander gestellt werden, definiert und organisiert; sie ist das janusköpfige interface. Im umbauten Raum scheint ihre Materialisierung durch Stoffe, deren Zweck das Umbauen ist, notwendig: Mauer, Zaun, wechselnde Materialität und Qualität des Raumes. Tatsächlich? Mitnichten. Denn: Die Grenze ist auch, indem sie nicht ist. Eine Mauer, ein Zaun sind immer auch das, was sie zunächst eigentlich sind: geordnete Steine, gereihtes Holz. Sie sind eigentlich nicht Grenze, sie repräsentieren diese bloß symbolisch, wie es auch die Linie auf der Landkarte tut. Wer kennt es nicht, das kindliche Staunen, wenn man vom einen Land über die Grenze in ein anderes Land blickt und feststellt: Die Grenze, die das eine Land zu dem einen Land macht und das andere zum anderen, kann man nicht als diese Linie sehen, die die Landkarte verzeichnet. Selbst ein Fluss oder eine Bergkette sind zunächst Fluss oder Bergkette, ehe sie Grenze sind. Doch es sind genau ihre symbolischen Repräsentationen, die die Grenze tragen und somit vollziehen.

Skizze:

„Wir sehen die Dinge an ihren Grenzen“ von Lisa-Sophie Winklhofer

 

Die Grenze als Raum Umbauendes ist auch umbauender Raum; sie ist so nicht als Symbol reprä- sentativ, sondern strukturell konstitutiv. In den Arbeiten Michel Foucaults, dem Archäologen und Genealogen sprachlicher, verstandesmäßiger und mithin auch räumlicher Grenzziehungen, lassen sich der Grenze noch Funktionen beimessen, die ihr als umbauendem Raum ordnenden und dis- ziplinierenden Charakter geben, da in sie die regulierenden Eigenschaften von Öffnungen und Abschließung eingetragen werden. Die Gefängniskerker, die Spitäler, die Irrenhäuser jener scheinbar finsteren Zeit, ehe das Licht der Vernunft sie ebenso nur scheinbar erhellte – denn wo Licht ist, gibt es stets auch Schatten –, sind die Stätten, in denen und durch die eine Grenz- ziehung des Einen zum überhaupt Anderen aufzutauchen beginnt. Diese Grenzziehung begrün- det die Organisation eines Systems der Kraftlinien und der Netze eines Macht-Wissens, deren Wirkungsweise eine abgrenzende in dem Maß ist, in dem sie eine architektonische ist, aber be- gründet damit auch eine über diese hinausgehende soziale Wirkung. Foucault schreibt in „Wahn- sinn und Gesellschaft“: „Man könnte eine Geschichte der Grenzen schreiben – dieser obskuren Gesten, die, sobald sie ausgeführt, notwendigerweise schon vergessen sind –, mit denen eine Kultur etwas zurückweist, was für sie außerhalb liegt; und während ihrer ganzen Geschichte sagt diese geschaffene Leere, dieser freie Raum, durch den sie sich isoliert, ganz genau soviel über sie aus wie über ihre Werte; denn ihre Werte erhält und wahrt sie in der Kontinuität der Geschichte, aber in dem Gebiet, von dem wir reden wollen [dem Wahnsinn, Anm.], trifft sie ihre entscheiden- de Wahl. Sie vollzieht darin die Abgrenzung, die ihr den Ausdruck ihrer Positivität verleiht.“ 1

Diese Grenzziehung ist eine Geste, deren „Struktur […] konstitutiv für das [ist], was Sinn und Nicht-Sinn ist, oder vielmehr für jede Reziprozität, durch die sie miteinander verbunden sind“. 2 Die Grenze als Mauer oder als Zaun, als Abtrennung, die Wahnsinnige von Nicht-Wahnsinnigen trennt, Gesunde von Kranken, Straftäter von bravem Bürger, konstituiert durch ihr Gezogen- werden jenes Netz, das auch die einschließt, die nicht eingeschlossen sind, die eigentlich außen stehen und damit im Inneren jener Seite, die die der Gesunden, der Normalen ist.

Skizze:

„Wir sehen die Dinge an ihren Grenzen“ von Lisa-Sophie Winklhofer

 

Solcherart verändert sich diese Praktik, diese Geste des Grenzziehens. Die einschließenden Diszi- plinargesellschaften sind den Kontrollgesellschaften gewichen, „die nicht mehr durch Internie- rung funktionieren, sondern durch unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation“. 3
Es sind Formen von Beziehungen, die einschließen und solcherart abgrenzen: das unmittelbare Kommunizieren mittels Web-2.0-Technologien; die Suggestivkraft der Bilder der Werbung, die Bedürfnisse der Zugehörigkeit produzieren; die “fürsorglichen” Qualitäten eines (Sozial-)Staats und dessen rasende Kontroll- und Überwachungssysteme. Es sind verbindliche, verbindende Qualitäten, die einschließen und Abgrenzungen herstellen, die „Individualität“ produzieren, in- dem sie das Individuum in zuordenbare Eigenschaften fragmentieren. Doch die Vielfalt dieser Fragmentierung ist nur eine scheinbare: sie bedeutet eher eine repressiver werdende Nötigung
zur selbstständigen Einordnung in immer stärker ausdifferenzierte, also kleiner und enger werdende, vorgefertigte (Selbst-)Definitionsmerkmale.

Der glatte Raum des Individuums wird dergestalt eingekerbt, eingezirkelt, eingegrenzt durch Anbindung. Das Prinzip des Panoptismus: Die regulierenden Grenzen sind den Körpern, den Subjekten eingeschrieben, sie trennen, weil sie verbinden. Die Kerkermauern mögen im Ver- schwinden begriffen sein, durch Fußfesseln und Präventivmaßnahmen beschreiten sie den Weg einer Immaterialisierung. Aber diese Auflösung bedeutet keineswegs das Aufheben des Prinzips der Ausschließung: vielmehr bedeutet sie eine Veränderung ihrer Mechanismen, ihrer Funktions- weisen und ihrer Ordnungen. So wächst schließlich auch ihre Effizienz. Die Wissenschaft, die Forschung und die Technologien des so genannten Fortschritts tragen dazu bei: Ihre Erkenntnisse schreiben die Sprache über die Eigenschaften der Dinge und Individuen und definieren damit die Relationen dazwischen. Kurz, sie schreiben die Grenzen den Individuen wie den Dingen ein und beherrschen so die Lebenspraxis.

Die räumlichen Grenzen in einer grenzenlosen, globalisierten Welt sind nur deswegen vorder- gründig verschwunden, da sich die Grenzen hintergründig von der Welt in das Individuum hinein verschoben, in es eingeschrieben haben. Gläserne Fassaden im Erdgeschoß und darüber erschei- nen transparent, auf eine perfide Art insofern, als sie Offenheit bloß suggerieren.

Die Trennungs- und Abgrenzungsmechanismen werden weniger durch die umbauenden Quali- täten des Raumes denn durch abstrakte Differenzierungsmechanismen vollzogen. Ein Blick hinein genügt, und die Spiegelung wirft einen darauf zurück, das einem sagt, ob man diese scheinbare Grenze passieren darf: man selbst.

Dieser Text von Philipp Markus Schörkhuber sowie die Skizzen von Lisa-Sophie Winklhofer wurden in der ersten Ausgabe veröffentlicht.

 

1 Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/Main 1973: Suhrkamp S. 9
2 ebd.S.12
3 Deleuze, Gilles (1990): Kontrolle und Werden. Gespräch mit Toni Negri, in: ders.: Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt/Main 1993: Suhrkamp S. 243-253, hier: S. 250

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